Felix Mendelssohn Bartholdy - Brücke zwischen den Zeiten

Text von Prof. Dr. h.c. Christoph Bossert zum Meisterkurs Mendelssohn 2009 in Würzburg

Felix Mendelssohn Bartholdys Geburtstag jährt sich 2009 zum zweihundertsten Mal. Mendelssohn wurde durch seine Wiederaufführung der Matthäuspaason Bachs im Jahre 1829 zu einem der wichtigsten Wegbereiter der Bach-Rezeption im 19. Jahrhundert. Mit Mendelssohn beginnt zugleich eine Linie, die über Schumann, Brahms und Reger die Gegeposition zur "Neudeutsche Schule" markiert, mit Reger aber, ebenso wie andererseit Liszt und Wagner, ins 20. Jahrhundert führt. 

Mendelssohn wird so zu einer Brücke zwischen den Zeiten. Die Orgelmusik nahm sich in seiner Zeit – nach den Wirren der französischen Revolution und der Säkularisation – fast eher wie ein historisches Relikt aus. Doch aus der Bedeutung des Orgelschaffens Bachs leitete sich für Mendelssohn ein für alle Zeiten unaufgebbarer Anspruch des Instrumentes Orgel ab, dem er nach Kräften Geltung zu schaffen suchte. In der Orgel-Sammlung „Cäcilia", herausgegeben durch den von Mendelssohn eingesetzten Orgelprofessor des Leipziger Konservatoriums Carl Ferdinand Becker, dokumentiert sich der Weg der Bach-Schule bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts – angesichts dieser dreibändigen Sammlung kann man die Zeit zwischen Bach und Mendelssohn keinesfalls als tote Periode des Komponierens für die Orgel betrachten.

Mendelssohn 2009Interessanterweise enthält die Sammlung auch Stücke aus Bachs „Musikalischem Opfer" oder der „Kunst der Fuge", die eine sehr anspruchsvolle Pedaltechnik verlangen. Ähnliches gilt für eine Fuga cis-Moll von S. S. Wesley. Andererseits dokumentiert die Übertragung von Händels Fuge f-Moll mit vollgriffigen Akkorden der linken Hand auf die Orgel eine ganz unpolyphone, dem Affekt verpflichtete Schreibweise. Ein Trio der Prinzessin Anna Amalia von Preussen, Fugen von C. Ph. E. Bach und W. Fr. Bach sowie von J. L. Krebs dokumentieren wieder je eigene Seiten der Zeit nach Johann Sebastian Bach.

Stücke dieser Sammlung werden auf dem Meisterkus „Dialog der Tasten" behandelt. Von hier aus ergeben sich nicht zuletzt auch Ansatzpunkte zur Frage der Orgeltranskription von Klavierwerken. An drei Beispielen soll dies im Kurs entwickelt werden: Mendelssohns Präludien und Fugen op. 35 und die Variations serieuses op. 54 sowie Brahms' Variationen D-Dur op. 21. Zugleich soll jeweils die Originalversion für Klavier erarbeitet werden. Im Mittelpunkt steht dabei Mendelssohns Opus 35, von dem er selbst sagte, es sei „das Beste, was ich für Klavier geschrieben habe". Anhand der Orgelfassung, die Christoph Bossert bereits 1991 veröffentlichte, wird aber auch deutlich, wie sehr Mendelssohn zum Anreger der späteren französischen Orgelsinfonik wird, wie sie durch ein Präludium h-Moll oder f-Moll bereits um 1835 vorgebildet erscheint.

In der Geschichte der Tasteninstrumente standen Orgel- und Klaviersatz schon immer in einer engen Wechselbeziehung. Der Facettenreichtum dieser Wechselbeziehung bietet fast unerschöpfliche Möglichkeiten. Bei Mendelssohn selbst scheinen Klavier und Orgel eher in der Schreibweise getrennt; und doch sperrt sich Mendelssohns Opus 35 bei einer Übertragung auf die Orgel kaum – im Gegenteil. Schumanns Kanons op. 56 scheinen – allem Anschein nach sogar bewußt programmatisch – exakt zwischen Klavier- und Orgelsatz zu stehen: Die polyphone Schreibweise des Kanons weist in die Nähe der Orgel, die teilweise homophone Begleitakkordik dagegen weist als „Lied ohne Worte" in die Nähe des Klaviers. Im Falle von Johannes Brahms, der leider viel zu wenig für die Orgel schuf, lässt sich die Verbindung von Klavier und Orgel am Beispiel seiner Variationen D-Dur für Klavier op. 21 zeigen, deren 1. Variation im Beginn des sehr spät komponierten Choralvorspiels Herzlich tut mich erfreuen für Orgel als Zitat wiederkehrt. Max Reger schließlich fertigte für sein erstes großes Orgelwerk, nämlich die Johannes Brahms gewidmete Suite e-Moll op. 16, auch eine vierhändige Klavierversion an.

"Dialog der Tasten - Brücken zwischen den Zeiten" setzt den im Messiaen-Jahr 2008 in Würzburg beschrittenen Weg fort, in dem durch Markus Bellheim das gesamte Klavierwerk von Olivier Messiaen, durch Christoph Bossert und seine Orgelklasse sowie durch Hans-Ola Ericsson als Gastdozent das gesamte Orgelwerk messiaen zur Aufführung kam. Kontrapunktierend zur Idee des Gesamtwerks soll Mendelssohn 2009 eher aus dem Blickwinkel von Kontinutät und Diskontinuität betrachtet werden, indem durch ihn eine riesenhafte Brücke sichtbar wird, die das gesamte Zeitalter der Dur-Moll-Tonalität überspannt.

 

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