Hochschulportrait

Die Kirchenmusik-  und Orgelabteilung der Hochschule für Musik Würzburg

von Magdalena Meister und Martin Sturm

Die Abteilungen Orgel und Kirchenmusik der Hochschule für Musik in Würzburg werden von Prof. Christoph Bossert geleitet. Wir profitieren als Studenten von seiner über 20-jährigen Erfahrung als Hochschulprofessor und internationalem Konzertorganist. Der Umgang mit historischen Orgeln (siehe dazu auch die Kapitel Orgelexkursionen und Kurse) aller Jahrhunderte bilden einen großen Schwerpunkt seiner Unterrichtstätigkeit. Auch die Beschäftigung mit neuer Musik spielt eine wichtige Rolle. Bossert war z.B. einer der Initiatoren des Cage-Projekts in Halberstadt und seine Komposition „Hier und dort" wurde durch Meisterklassestudenten in der Marktkirche Hannover uraufgeführt. Jedes Jahr gibt es neben dem regulären Unterricht ein breites Angebot zu verschiedenen Kursen, die die Interpretation, die Klangästhetik, die Forschungen Bosserts zum Werk J.S. Bachs, die Beschäftigung mit historischen Orgeln und mit selten gespielter Orgelliteratur betreffen. Dabei wird Bossert nicht nur gerne auf der ganzen Welt als Kursdozent eingeladen, oft reisen auch seine Studenten mit ihm zu Kursen im In- und Ausland.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Orgelklasse selbst international besetzt ist: neben Deutschland sind die Tschechien, Ungarn, Serbien, Polen, Frankreich, die Slowakei, Rumänien sowie Japan und Korea u. v. a. vertreten. So werden die erarbeiteten Erkenntnisse weitergetragen, wie zum Beispiel bei den Organologiekursen, die Balázs Szabó an der Hochschule in Budapest für die Elite des Landes in Sachen Orgelbau und Orgelspiel hält.

Auch der neue Orgeldozent Jan Dolezel ist ein tschechischer Organist.

Im Bereich der Kirchenmusik ergänzen insbesonderes Prof. Jörg Straube im Fach Chorleitung, Pater Dominikus Trautner aus Münsterschwarzach für Gregorianik, Hermann Beyer für Gehörbildung oder Pfarrer Christoph Reinhold Morath für Liturgik das Angebot.

Instrumente und Räumlichkeiten

Vier größere Orgeln stehen in der Hochschule für Lehre und Übung zur Verfügung. Ein französisch-romantisches Instrument des Hauses Rieger (1998, III/43), eine Orgel der Firma Hoffmann (II/12) mit barocker Disposition, eine Übungsorgel der Firma Mayer (III/16) und einen aufsehenerregenden Neubau, durchgeführt der Firma Lenter, der sich in Klanglichkeit und Technik auf am besten originalgetreu erhaltene Orgel von Eberhard Friedrich Walcker aus dem Jahre 1846 in der evangelischen Pfarrkirche zu Hoffenheim, bezieht. Das neue Instrument (III/14) steht auf mechanischer Kegellade, welche ein äußerst differenziertes Spiel erlaubt. Gerade durch eine stark ausgeprägte Farbigkeit in Disposition und Intonation, lassen sich hier, wie kaum irgendwo anders, neben Werke der deutschen Romantik auch Werke des mittel- und süddeutschen Barocks auf faszinierende Art und Weise erleben.

Neben diesen Orgeln existieren noch drei Truhenorgeln, ein zweimanualiges Pedal-Cembalo, ein Steinway-Flügel, ein Pedalklavier aus dem 19.Jahrhundert, sowie ein Harmonium und ein Clavichord. Die Besonderheit: Alle Instrumente sind so auf die Räume verteilt, dass sie jederzeit als gemeinsam erklingendes Ensemble genutzt werden können. Improvisation, Duos und größere Ensembles aus Tasteninstrumenten, sowie Jazzaufführungen können so verwirklicht werden und lassen immer wieder völlig neue Eindrücke und Ideen entstehen.

In Planung befindet sich derzeit ein neues Großinstrument für den Großen Saal der Hochschule für Musik Würzburg.

Chorarbeit an der Hochschule für Musik Würzburg

Als Dirigent des großen Hochschulchores und des hochversierten Kammerchores bereichert Prof. Jörg Straube das Kirchenmusikstudium im Fachbereich Chorleitung.

Besonders in den Proben des Kammerchores, welcher sich schwierigster Chorliteratur aus vergangenen Epochen wie auch zeitgenössischen Werken widmet, kann man schon als Sänger funktionierende und hochspannende Probenabläufe beobachten und auf die eigene Chorarbeit übertragen und so verbessern.

Der große Hochschulchor verschreibt sich Oratorienaufführungen mit Orchester. Neben romantischen und modernen Großwerken befinden sich auch Mozarts Requiem oder die Bachschen Passionen im Repertoire.  Jedes Jahr widmet sich Jörg Straube mit seinem Hochschulchor mindestens zwei großen Projekten: Bachs H-moll-Messe während der Tage für Alte Musik , Verdis Requiem oder die seltene Aufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach in der Bearbeitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Prof. Matthias Beckert, Leiter des Würzburger Monteverdi-Chores, gibt praktische Anleitung im Dirigieren und Proben. Seine neu initiierten „Kirchenmusikprojekte" schließen Organisten und Kirchenmusikstudierende mit anderen Instrumentalisten und Sängern zusammen  um oratorische Aufführung im kleinen Rahmen zu ermöglichen. „Membra Jesu Nostri" von Dietrich Buxtehude und das „Stabat mater" von Caldara bilden im laufenden Semester den Arbeitsschwerpunkt seines Kurses.

Orgelexkursionen

An der Hochschule in Würzburg nimmt die Orgel zur Entwicklung einer Musikerpersönlichkeit einen besonderen Stellenwert ein. Um die Orgel als geschichtlich gewachsenes Instrument in ihrer Individualität zu erfassen, bildet das Kennenlernen wichtiger Orgeln aus alles Epochen einen wichtigen Bestandteil des Studienverlaufes. In daher veranstalteten Orgelexkursionen wurden vergangenes Jahr beispielsweise folgende Instrumente besucht und nachhaltig studiert:

Instrumente des süddeutschen Barocks wie in der Klosterkirche Maihingen, (Baumeister 1737, II/22), in der Stadtkirche Bad Wimpfen (Ehrlich 1747, II/23), in St. Gumbertus Ansbach, (Wiegleb 1739, III/46), in der Klosterkirche in Pappenheim (Crapp 1722). In Mitteldeutschland waren es die Instrumente in der Stadtkirche Waltershausen (Trost 1730, II/47), St. Wenzel Naumburg (Hildebrandt 1746, III/53), Arnstadt, Bachkirche (Wender 1703, II/21) und die Renaissanceorgel in Schmalkalden (Meyer 1589, I/6).An romantischen Instrumenten wurde die Wallfahrtskirche Fährbück (Schlimbach 1900, II/17), die evangelische Kirche in Hoffenheim (Walcker 1846, II/27) und die Stadtkirche Giengen an der Brenz (Link 1906, III/51) besucht.

Diese Fahrten beschränken sich nicht nur auf die Themen Literaturspiel und Orgelbau, sondern binden in ihren Inhalten auch Klangästhetik, Registrierpraxis, Übepraxis und Improvisation mit ein.

Orgelkurse und –projekte

Neben den meist eintägigen Orgelexkursionen finden auch längere Orgelkurse und Projekte statt. Im letzten Jahr waren es z.B. folgende:

Der am Franz-Liszt-Konservatorium in Budapest wirkende Organist Prof. László Fassang kam zu einem Kurs über Orgelwerke Franz Liszts nach Würzburg. Im Austausch dazu wurde eine Mithilfe von Erasmus finanzierte Reise nach Budapest initiiert, die zum Großteil aus einem faszinierenden Improvisationskurs mit Professoren Fassang und Bossert, sowie der Besichtigung ungarischer Instrumente bestand. In Erlangen nahm die Orgelklasse das Angebot war, einen Kurs über alte spanische Orgelmusik mit Prof. Cea Galán, der im Zuge der ION veranstaltet wurde, zu besuchen. Wie in jedem Jahr gab es das Bachseminar in Arnstadt, bei dem in diesem Jahr der gesamte dritte Teil der Clavierübung J. S. Bachs durch die Orgelklassen Würzburg sowie Weimar aufgeführt wurde. Kurse mit norddeutscher Barockmusik in Dornum, Norden und Esens mit Andreas Liebig und Christoph Bossert, Kurse mit süddeutscher Barockmusik in Tschechien (Utery, Kladruby und Rabstejn) mit Prof. Bossert und Jan Dolezel.

In den nächsten zwei Jahren sind wiederum große Reisen geplant, die von Erasmus getragen werden: 2013 in Prag und 2014 in Riga und Pitea (Nordschweden). Eine Reise in die Orgelwelt rund um den Jakobsweg in Spanien führte zu 23 Instrumenten und wurde von Dozent Pfarrer Christoph Reinhold Morath initiiert und durchgeführt.

Ein langjähriges Projekt ging mit einem Konzert in St. Nikolai in Lüneburg zu Ende: die Gesamtaufführung der Orgelwerke Max Regers an historischen Orgeln, durchgeführt von der Orgelklasse u. a. an den Instrumenten in Salzwedel, im Berliner Dom, in Neuhausen a. d. F., Verden, Bad Salzungen, Giengen an der Brenz und Zürich.

Beim Cage-Festival 2012 in Halberstadt gestalteten Mitglieder der Orgelklasse Würzburg den großen Abschlussgottesdienst im Dom mit Werken von Ives und Satie und einer Auftragskomposition, die Martin Sturm übernahm.

In Würzburg selbst stand zwei Monate lang ein Projekt zu Johann Ulrich Steigleders Tabulaturbuch über das „Vater unser" im Mittelpunkt, an dessen Ende das gut 90 minütige Werk vollständig zusammen mit Instrumentalisten anderer Abteilungen aufgeführt wurde. Im Rahmen des Symposiums "Kulturelles Gedächtnis als gesellschaftlicher Auftrag" des Landesmusikrats Baden-Württemberg und des Bayer. Musikrates wurde ein Konzert der Klasse auf fünf verschiedenen Tasteninstrumenten durchgeführt. An einem „Tag der offenen Tür" wurde die neue Unterrichtsorgel der Firma Lenter präsentiert.

An der Vielzahl von Projekten innerhalb eines Jahres zeigt sich, dass die Orgelklasse Würzburg kontinuierlich mit wichtigen kulturellen Beiträgen wahrgenommen wird und so für die Förderung und die Zukunft anspruchsvoller Orgelmusik eintritt.

CD-Aufnahmen

Immer wieder finden auch CD- Aufnahmen der Orgelklasse statt. Eine CD mit Portraits der Orgeln in und um Würzburg wurde 2009 veröffentlicht, eine zweite CD mit historischen Orgel in Franken und Schwaben steht kurz vor ihrer Veröffentlichung. Außerdem entstanden Aufnahmen im Zusammenhang mit der Reger-Gesamt-aufführung in Lüneburg und eine Aufnahme von Regers op. 59 in St. Cyriakus in Karlsruhe-Bulach auf der seinerzeit frisch renovierten Voit-Orgel, die bereits erschienen ist.

Abschlüsse

An der Hochschule für Musik Würzburg können die Abschlüsse Bachelor und Master sowohl für das Fach Kirchenmusik als auch für das Fach Orgel solo erworben werden. Ebenso ist die Abteilung Kirchenmusik und Orgel in Würzburg eine der wenigen, die zusätzlich seit etlichen Jahren eine immer gut besetzte Meisterklasse unter Prof. Christoph Bossert vorweisen kann.

 



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